05-24-2026, 02:27 PM
Im ersten Teil unseres XXL-Interviews spricht Trainer Uwe Rösler über Rituale beim VfL Bochum, die Spielidee für die neue Saison und den kommenden Kader.
Kaum ist die Saison vorbei, ist Uwe Rösler bereits im WM-Fieber. Während Julian Nagelsmann unter der Woche seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Nordamerika bekanntgab, zeigte sich der ehemalige DDR-Nationalspieler schon einmal demonstrativ als Anhänger der Truppe, die in diesem Sommer ein Fußballmärchen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schreiben soll. Im DFB-Trikot nimmt der Trainer des VfL Bochum auf der Terrasse seiner Finca auf Mallorca Platz und grüßt über den Bildschirm nach Bochum.
Wie seine Spieler hat sich Rösler nach einer kräftezehrenden Saison in den Urlaub verabschiedet. Wobei: So richtig Urlaub ist es für den Cheftrainer gar nicht, wie er im Interview verrät. Schließlich ist auch seine Meinung beim XXL-Umbruch in den kommenden Wochen regelmäßig gefragt. Im Anschluss an das Gespräch stand bereits ein weiteres Meeting bezüglich möglicher Neuzugänge an. Grund genug, um noch einmal auf die geglückte Rettungsmission beim VfL Bochum zurückzublicken und mit ihm über seine Wünsche und Planungen für die kommende Spielzeit zu sprechen. Wie gewohnt verzichten wir an dieser Stelle auf das höfliche „Sie“ – Uwe Rösler hatte bereits an seinem ersten Arbeitstag in Bochum allen Reportern das „Du“ angeboten. Der erste Teil des Interviews.
Uwe, wetterbedingt trägst du auch im Urlaub eine kurze Hose. Im Spielbetrieb ist sie dein Markenzeichen geworden. Legst du dir zur neuen Saison etwas anderes zu?
Uwe Rösler: Ich bleibe dabei. Es war ja ursprünglich so nicht geplant. Ich hatte sie vor dem Hertha-Spiel an, weil es relativ warm war. Dann lief es gut, wir haben gewonnen und weil ich ein bisschen abergläubisch bin, bin ich dabei geblieben. Ich möchte mich aber ungern darüber definieren lassen. Kurze Hose, Currywurst – das waren die Schlagzeilen der ersten Wochen. Wichtig ist jedoch das, was ich als Trainer leiste.
Eine Frage bezüglich Rituale muss noch gestattet sein: Du bist vor jedem Spiel in die Kurve gegangen – wirst du es fortführen?
Ja, wir brauchen die Zuschauer. Ich will mit meinen Anfeuerungsgesten mit ihnen kommunizieren und ihnen sagen, dass wir sie brauchen, dass wir die Stimmung brauchen und sie ermuntern, noch mehr Energie zu geben. Die braucht unsere Mannschaft – und ich genauso. Ich sehe mich als Motivator der Leute, die uns motivieren. Es ist also auch etwas Therapie für mich.
Du hast den VfL Bochum auf Platz neun der Tabelle geführt. Wie blickst du auf die gut acht Monate?
Es war ein sehr intensives Jahr, mit einer schwierigen Ausgangslage. Ich werde mich nicht darüber äußern, was meine Vorgänger gemacht haben. Das gebietet der Respekt. Klar ist aber, dass ich weder den Kader zusammengestellt noch die Zielstellung vorgegeben habe. Als ich gekommen bin, waren wir nach acht Spielen Tabellenvorletzter und ich wurde beauftragt, den Klassenerhalt zu sichern. Dieses Ziel wurde mir bei der Vertragsunterschrift vorgegeben. Das haben wir erreicht – frühzeitig. Dennoch muss ich im Nachhinein sagen, dass ich die Aufgabe etwas zu optimistisch angegangen bin, trotz meiner Zweitliga-Erfahrung aus Düsseldorf. Ich hätte zu dem Zeitpunkt nicht gedacht, dass zehn Mannschaften lange in dieser Saison gegen den Abstieg spielen und es so schwierig für uns werden würde. Es war durchgängig eng, obwohl wir ab dem 14. Spieltag nie schlechter als Platz elf standen.
Bedeutet?
Ich habe gewusst, dass der Kader gut genug ist, die Klasse zu halten. Das hat sich relativ schnell bewahrheitet. Aber ich habe auch gewusst, dass der Kader auch mal eine Leistungsdelle haben wird, dass es im Abstiegskampf mit so vielen jungen Spielern schwierig wird. Da unten hat keine Mannschaft mit so vielen jungen Spielern wie wir gespielt. Wir wollten aber die jungen Spieler entwickeln, dafür brauchen sie Einsatzzeiten. Wenn die Jungs dann mal nicht performen, dann ist das ärgerlich, müssen wir aber einkalkulieren. Bei erfahrenen Spielern weiß man, dass sie auf Strecke performen. Daher ist es wichtig, dass wir im neuen Kader diese Mischung hinbekommen. Das brauchst du in der Liga. Mit dem neuen Kader wollen und werden wir uns weiter stabilisieren.
Wichtig für die Stabilisierung in der abgelaufenen Saison war der Sieg direkt im ersten Spiel gegen Hertha BSC.
Das war für den gesamten Verein enorm wichtig, für die Fans und die Stadt. Ich glaube, danach haben die Jungs gesehen, dass das hier was werden kann. Sie haben gemerkt, dass unsere Ideen funktionieren und man damit Spiele gewinnen kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Spieler eine lange Zeit lang nicht mehr regelmäßig gewonnen haben. Wir hatten unter den Neuzugängen acht, die wenige Wochen zuvor abgestiegen waren. Das – und natürlich auch der VfL-Abstieg – macht mit den Spielern etwas. Alle waren ängstlich, es gab keine Gewinnermentalität, es ging im gesamten Verein immer nur um das Worst-Case-Szenario. Deshalb habe ich von vornherein immer davon gesprochen, dass das Glas halbvoll ist. Wir mussten in die Köpfe aller kommen, Positivität herstellen. Aus Zweiflern mussten Überzeugte werden. Das ist uns weitgehend gelungen, auch wenn wir zwischenzeitlich eine schwierigere Phase hatten.
Rund um die Testspielniederlage gegen Rot-Weiss Essen gab es auch in der Liga zwei Niederlagen.
Genau. Aber wir müssen immer an uns glauben, und dem Prozess vertrauen. Wir müssen über längere Zeit etwas entwickeln, und daher ist die Saison jetzt zwar abgeschlossen, es geht aber mit einem Teil der Mannschaft weiter. Wir müssen uns weiterentwickeln, die Konstanz finden, uns auf Widerstände vorbereiten. Dafür sollen Bochum-Spieler stehen. Das ist uns auch in der Rekrutierung der Spieler wichtig. Wir wollen genau diesem Spielstil zuträgliche Spieler verpflichten. Dann müssen wir auch mal einem großen Namen absagen, wenn er nicht zum Stil passt. Wir haben viel angeschoben, müssen aber noch weiter hart arbeiten.
Woran genau?
Wir wollen aggressiv sein, wir wollen dynamisch sein, wir wollen nach vorn denken. Genauso wollen wir aber konsequent verteidigen. Das steht und fällt alles mit dem Personal. Wir wollen Pressing spielen, aber auch versuchen, fußballerisch Fortschritte zu machen. Wir haben es nach der Winterpause schon geschafft, besser Fußball zu spielen. Als die Niederlagen im Frühjahr kamen, mussten wir davon wieder zurückgehen. Wir mussten einfacher spielen, weil sich die Spieler damit am wohlsten fühlten. Das haben wir in Meetings nach dem Magdeburg-Spiel besprochen. Wir wollen künftig aber eine Mischung aus dem gradlinigen und aggressiven Bochum-Fußball und einer gewissen Ballkontrolle entwickeln. In der Vorbereitung müssen wir an dieser Balance arbeiten und versuchen, die traditionellen VfL-Eigenschaften mit einem spielerischen Ansatz zu verbinden.
Ist vor dem Hintergrund der Umbruch mehr Chance oder Risiko?
Ich verfüge über die Erfahrung aus 40 Jahren Profifußball und weiß daher, dass eine hundertprozentige Trefferquote bei allen Transfers nahezu unmöglich ist. Wir haben 13 Spieler verabschiedet, also werden wir wohl eine ähnliche Zahl verpflichten. Da wird nicht jeder auf Anhieb funktionieren. Wir müssen die Quote derer erhöhen, die zu uns passen. Wir wollen eine Mannschaft entwickeln, deshalb wollen wir Spieler verpflichten, die voll im Saft stehen und die besten Jahre noch vor sich haben. Dafür haben wir bis zum Trainingsstart nur fünf Wochen Zeit. Das ist ein sehr enges Zeitfenster. Ich sehe, wie Markus Brunnschneider, Simon Zoller und Co. arbeiten – das ist gut. Dieses Team versucht, einen Kader hinzustellen, der zu uns passt, der uns besser und effektiver macht. Wir werden zum Auftakt nicht den gesamten Kader beisammenhaben, das wollen wir auch gar nicht, weil sich erfahrungsgemäß zum Ende der Transferperiode noch Möglichkeiten ergeben, die zu Beginn undenkbar schienen. So können wir auch jungen Spielern eine Chance geben.
Wie viel Einfluss hast du auf den Kader?
Ich bin nicht der Manager, ich bin der Trainer. Wir haben eine Transferkommission und stimmen uns sehr viel ab. Man bindet mich stark mit ein, es würde sonst auch keinen Sinn ergeben. Ich reiche Profile ein, wie ich mir die Spieler wünsche. Sie müssen unsere Prinzipien umsetzen können. Wir wollen dynamisch und mobil sein, wir wollen Schnelligkeit. Wir wollen eine bessere Balance im Kader herstellen, nicht mehr nur Konterfußball spielen. Dafür brauchen wir Spieler in der Abwehr und im Mittelfeld, die da entsprechende Qualitäten mitbringen. Auch brauchen wir Spieler, die eine mentale Stärke haben, um hier bestehen zu können. Da sind wir uns im Verein aber einig – wir wollen dieselben Dinge.
Wie passen die beiden bisherigen Zugänge Enis Cokaj und Berkan Taz zu dieser Idee?
Enis ist aggressiv und dynamisch im Mittelfeld unterwegs. Taz denkt Fußball nach vorn. Er ist kreativ, ein Zocker, der unser technisches Spiel beleben soll. Ganz wichtig: Beide sind mental sehr stark. Taz hat schon einiges erlebt im Fußball. Für ihn ist es jetzt eine Riesenchance, bei einem großen Verein der Zweiten Liga den nächsten Sprung zu machen. Er ist 27, ist im besten Fußballalter. Und er kommt nicht aus einer Saison, in der er abgestiegen ist. Er kommt aus einer Saison, wo er der vielleicht sogar beste Spieler der 3. Liga war. Er kommt mit einem Stimmungshoch. Genauso sieht es bei Enis Cokaj aus. Er hat in Griechenland eine super Saison gespielt und viele positive Erlebnisse gesammelt. Auch er kann sich nun in einer anderen Liga beweisen und wird uns dadurch beleben. Diese Qualität und Energie brauchen wir.
Hatte deine aktuelle Mannschaft diese mentale Qualität nicht?
Das will ich nicht sagen. Aber wie bereits angesprochen: Viele Neuzugänge sind von abgestiegenen Klubs gekommen, dazu ist das Gros der restlichen Mannschaft mit dem VfL abgestiegen. Das sind negative Erlebnisse. Der Druck, der auf den Spielern gelastet hat, auf dem gesamten Verein, der war immens. Dadurch ergaben sich automatisch Probleme – wie zu Saisonbeginn. Wir haben versucht, die Köpfe freizubekommen, und man hat gesehen, dass die Mannschaft eine gute Mentalität hat. Seitdem ich da bin, haben wir die fünftbeste Punkteausbeute gehabt. Die Intensität bei uns war sehr hoch, ich verlange viel von meinen Spielern. Dadurch haben wir aber den Fokus und die Energie gehabt, um uns nach oben zu kämpfen. Ich erwarte immer Einsatz, Loyalität und Willen. Auch müssen wir Mut haben. Kein Spieler kann aber immer bei 100 Prozent sein, auch das haben wir gesehen. Wenn wir weiter oben mitspielen wollen, geht das nur, wenn wir absolut am Maximum spielen.
Das war zwischenzeitlich nicht der Fall.
Und auch das ist erklärbar. Wir hatten eine hohe Anzahl an Spielern, deren Verträge ausgelaufen sind, bei denen es um die Zukunftsplanung ging. Andere Themen standen im Vordergrund und nicht unbedingt das nächste Spiel. Wenn dann ein paar Prozent bei einigen Spielern fehlen, reicht es, um nicht mehr zu gewinnen. Aus Siegen sind Unentschieden geworden und aus Unentschieden Niederlagen. Dass wir es dann aber noch mal geschafft haben, zeigt, dass die Mannschaft mental klar war. Wir haben drei Siege und zwei Unentschieden bei einer Niederlage in den letzten sechs Spielen geholt, als es um alles ging. Als es um Existenzen ging. Der Druck war riesig – das sieht man gerade bei Fortuna Düsseldorf, wo sehr viele Mitarbeiter nach dem Abstieg gehen müssen. Wir spielen ja nicht nur für uns, wir spielen für den gesamten Verein. Deshalb bin ich stolz, dass meine Mannschaft es geschafft hat.
Quelle: WAZ.de
Kaum ist die Saison vorbei, ist Uwe Rösler bereits im WM-Fieber. Während Julian Nagelsmann unter der Woche seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Nordamerika bekanntgab, zeigte sich der ehemalige DDR-Nationalspieler schon einmal demonstrativ als Anhänger der Truppe, die in diesem Sommer ein Fußballmärchen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schreiben soll. Im DFB-Trikot nimmt der Trainer des VfL Bochum auf der Terrasse seiner Finca auf Mallorca Platz und grüßt über den Bildschirm nach Bochum.
Wie seine Spieler hat sich Rösler nach einer kräftezehrenden Saison in den Urlaub verabschiedet. Wobei: So richtig Urlaub ist es für den Cheftrainer gar nicht, wie er im Interview verrät. Schließlich ist auch seine Meinung beim XXL-Umbruch in den kommenden Wochen regelmäßig gefragt. Im Anschluss an das Gespräch stand bereits ein weiteres Meeting bezüglich möglicher Neuzugänge an. Grund genug, um noch einmal auf die geglückte Rettungsmission beim VfL Bochum zurückzublicken und mit ihm über seine Wünsche und Planungen für die kommende Spielzeit zu sprechen. Wie gewohnt verzichten wir an dieser Stelle auf das höfliche „Sie“ – Uwe Rösler hatte bereits an seinem ersten Arbeitstag in Bochum allen Reportern das „Du“ angeboten. Der erste Teil des Interviews.
Uwe, wetterbedingt trägst du auch im Urlaub eine kurze Hose. Im Spielbetrieb ist sie dein Markenzeichen geworden. Legst du dir zur neuen Saison etwas anderes zu?
Uwe Rösler: Ich bleibe dabei. Es war ja ursprünglich so nicht geplant. Ich hatte sie vor dem Hertha-Spiel an, weil es relativ warm war. Dann lief es gut, wir haben gewonnen und weil ich ein bisschen abergläubisch bin, bin ich dabei geblieben. Ich möchte mich aber ungern darüber definieren lassen. Kurze Hose, Currywurst – das waren die Schlagzeilen der ersten Wochen. Wichtig ist jedoch das, was ich als Trainer leiste.
Eine Frage bezüglich Rituale muss noch gestattet sein: Du bist vor jedem Spiel in die Kurve gegangen – wirst du es fortführen?
Ja, wir brauchen die Zuschauer. Ich will mit meinen Anfeuerungsgesten mit ihnen kommunizieren und ihnen sagen, dass wir sie brauchen, dass wir die Stimmung brauchen und sie ermuntern, noch mehr Energie zu geben. Die braucht unsere Mannschaft – und ich genauso. Ich sehe mich als Motivator der Leute, die uns motivieren. Es ist also auch etwas Therapie für mich.
Du hast den VfL Bochum auf Platz neun der Tabelle geführt. Wie blickst du auf die gut acht Monate?
Es war ein sehr intensives Jahr, mit einer schwierigen Ausgangslage. Ich werde mich nicht darüber äußern, was meine Vorgänger gemacht haben. Das gebietet der Respekt. Klar ist aber, dass ich weder den Kader zusammengestellt noch die Zielstellung vorgegeben habe. Als ich gekommen bin, waren wir nach acht Spielen Tabellenvorletzter und ich wurde beauftragt, den Klassenerhalt zu sichern. Dieses Ziel wurde mir bei der Vertragsunterschrift vorgegeben. Das haben wir erreicht – frühzeitig. Dennoch muss ich im Nachhinein sagen, dass ich die Aufgabe etwas zu optimistisch angegangen bin, trotz meiner Zweitliga-Erfahrung aus Düsseldorf. Ich hätte zu dem Zeitpunkt nicht gedacht, dass zehn Mannschaften lange in dieser Saison gegen den Abstieg spielen und es so schwierig für uns werden würde. Es war durchgängig eng, obwohl wir ab dem 14. Spieltag nie schlechter als Platz elf standen.
Bedeutet?
Ich habe gewusst, dass der Kader gut genug ist, die Klasse zu halten. Das hat sich relativ schnell bewahrheitet. Aber ich habe auch gewusst, dass der Kader auch mal eine Leistungsdelle haben wird, dass es im Abstiegskampf mit so vielen jungen Spielern schwierig wird. Da unten hat keine Mannschaft mit so vielen jungen Spielern wie wir gespielt. Wir wollten aber die jungen Spieler entwickeln, dafür brauchen sie Einsatzzeiten. Wenn die Jungs dann mal nicht performen, dann ist das ärgerlich, müssen wir aber einkalkulieren. Bei erfahrenen Spielern weiß man, dass sie auf Strecke performen. Daher ist es wichtig, dass wir im neuen Kader diese Mischung hinbekommen. Das brauchst du in der Liga. Mit dem neuen Kader wollen und werden wir uns weiter stabilisieren.
Wichtig für die Stabilisierung in der abgelaufenen Saison war der Sieg direkt im ersten Spiel gegen Hertha BSC.
Das war für den gesamten Verein enorm wichtig, für die Fans und die Stadt. Ich glaube, danach haben die Jungs gesehen, dass das hier was werden kann. Sie haben gemerkt, dass unsere Ideen funktionieren und man damit Spiele gewinnen kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Spieler eine lange Zeit lang nicht mehr regelmäßig gewonnen haben. Wir hatten unter den Neuzugängen acht, die wenige Wochen zuvor abgestiegen waren. Das – und natürlich auch der VfL-Abstieg – macht mit den Spielern etwas. Alle waren ängstlich, es gab keine Gewinnermentalität, es ging im gesamten Verein immer nur um das Worst-Case-Szenario. Deshalb habe ich von vornherein immer davon gesprochen, dass das Glas halbvoll ist. Wir mussten in die Köpfe aller kommen, Positivität herstellen. Aus Zweiflern mussten Überzeugte werden. Das ist uns weitgehend gelungen, auch wenn wir zwischenzeitlich eine schwierigere Phase hatten.
Rund um die Testspielniederlage gegen Rot-Weiss Essen gab es auch in der Liga zwei Niederlagen.
Genau. Aber wir müssen immer an uns glauben, und dem Prozess vertrauen. Wir müssen über längere Zeit etwas entwickeln, und daher ist die Saison jetzt zwar abgeschlossen, es geht aber mit einem Teil der Mannschaft weiter. Wir müssen uns weiterentwickeln, die Konstanz finden, uns auf Widerstände vorbereiten. Dafür sollen Bochum-Spieler stehen. Das ist uns auch in der Rekrutierung der Spieler wichtig. Wir wollen genau diesem Spielstil zuträgliche Spieler verpflichten. Dann müssen wir auch mal einem großen Namen absagen, wenn er nicht zum Stil passt. Wir haben viel angeschoben, müssen aber noch weiter hart arbeiten.
Woran genau?
Wir wollen aggressiv sein, wir wollen dynamisch sein, wir wollen nach vorn denken. Genauso wollen wir aber konsequent verteidigen. Das steht und fällt alles mit dem Personal. Wir wollen Pressing spielen, aber auch versuchen, fußballerisch Fortschritte zu machen. Wir haben es nach der Winterpause schon geschafft, besser Fußball zu spielen. Als die Niederlagen im Frühjahr kamen, mussten wir davon wieder zurückgehen. Wir mussten einfacher spielen, weil sich die Spieler damit am wohlsten fühlten. Das haben wir in Meetings nach dem Magdeburg-Spiel besprochen. Wir wollen künftig aber eine Mischung aus dem gradlinigen und aggressiven Bochum-Fußball und einer gewissen Ballkontrolle entwickeln. In der Vorbereitung müssen wir an dieser Balance arbeiten und versuchen, die traditionellen VfL-Eigenschaften mit einem spielerischen Ansatz zu verbinden.
Ist vor dem Hintergrund der Umbruch mehr Chance oder Risiko?
Ich verfüge über die Erfahrung aus 40 Jahren Profifußball und weiß daher, dass eine hundertprozentige Trefferquote bei allen Transfers nahezu unmöglich ist. Wir haben 13 Spieler verabschiedet, also werden wir wohl eine ähnliche Zahl verpflichten. Da wird nicht jeder auf Anhieb funktionieren. Wir müssen die Quote derer erhöhen, die zu uns passen. Wir wollen eine Mannschaft entwickeln, deshalb wollen wir Spieler verpflichten, die voll im Saft stehen und die besten Jahre noch vor sich haben. Dafür haben wir bis zum Trainingsstart nur fünf Wochen Zeit. Das ist ein sehr enges Zeitfenster. Ich sehe, wie Markus Brunnschneider, Simon Zoller und Co. arbeiten – das ist gut. Dieses Team versucht, einen Kader hinzustellen, der zu uns passt, der uns besser und effektiver macht. Wir werden zum Auftakt nicht den gesamten Kader beisammenhaben, das wollen wir auch gar nicht, weil sich erfahrungsgemäß zum Ende der Transferperiode noch Möglichkeiten ergeben, die zu Beginn undenkbar schienen. So können wir auch jungen Spielern eine Chance geben.
Wie viel Einfluss hast du auf den Kader?
Ich bin nicht der Manager, ich bin der Trainer. Wir haben eine Transferkommission und stimmen uns sehr viel ab. Man bindet mich stark mit ein, es würde sonst auch keinen Sinn ergeben. Ich reiche Profile ein, wie ich mir die Spieler wünsche. Sie müssen unsere Prinzipien umsetzen können. Wir wollen dynamisch und mobil sein, wir wollen Schnelligkeit. Wir wollen eine bessere Balance im Kader herstellen, nicht mehr nur Konterfußball spielen. Dafür brauchen wir Spieler in der Abwehr und im Mittelfeld, die da entsprechende Qualitäten mitbringen. Auch brauchen wir Spieler, die eine mentale Stärke haben, um hier bestehen zu können. Da sind wir uns im Verein aber einig – wir wollen dieselben Dinge.
Wie passen die beiden bisherigen Zugänge Enis Cokaj und Berkan Taz zu dieser Idee?
Enis ist aggressiv und dynamisch im Mittelfeld unterwegs. Taz denkt Fußball nach vorn. Er ist kreativ, ein Zocker, der unser technisches Spiel beleben soll. Ganz wichtig: Beide sind mental sehr stark. Taz hat schon einiges erlebt im Fußball. Für ihn ist es jetzt eine Riesenchance, bei einem großen Verein der Zweiten Liga den nächsten Sprung zu machen. Er ist 27, ist im besten Fußballalter. Und er kommt nicht aus einer Saison, in der er abgestiegen ist. Er kommt aus einer Saison, wo er der vielleicht sogar beste Spieler der 3. Liga war. Er kommt mit einem Stimmungshoch. Genauso sieht es bei Enis Cokaj aus. Er hat in Griechenland eine super Saison gespielt und viele positive Erlebnisse gesammelt. Auch er kann sich nun in einer anderen Liga beweisen und wird uns dadurch beleben. Diese Qualität und Energie brauchen wir.
Hatte deine aktuelle Mannschaft diese mentale Qualität nicht?
Das will ich nicht sagen. Aber wie bereits angesprochen: Viele Neuzugänge sind von abgestiegenen Klubs gekommen, dazu ist das Gros der restlichen Mannschaft mit dem VfL abgestiegen. Das sind negative Erlebnisse. Der Druck, der auf den Spielern gelastet hat, auf dem gesamten Verein, der war immens. Dadurch ergaben sich automatisch Probleme – wie zu Saisonbeginn. Wir haben versucht, die Köpfe freizubekommen, und man hat gesehen, dass die Mannschaft eine gute Mentalität hat. Seitdem ich da bin, haben wir die fünftbeste Punkteausbeute gehabt. Die Intensität bei uns war sehr hoch, ich verlange viel von meinen Spielern. Dadurch haben wir aber den Fokus und die Energie gehabt, um uns nach oben zu kämpfen. Ich erwarte immer Einsatz, Loyalität und Willen. Auch müssen wir Mut haben. Kein Spieler kann aber immer bei 100 Prozent sein, auch das haben wir gesehen. Wenn wir weiter oben mitspielen wollen, geht das nur, wenn wir absolut am Maximum spielen.
Das war zwischenzeitlich nicht der Fall.
Und auch das ist erklärbar. Wir hatten eine hohe Anzahl an Spielern, deren Verträge ausgelaufen sind, bei denen es um die Zukunftsplanung ging. Andere Themen standen im Vordergrund und nicht unbedingt das nächste Spiel. Wenn dann ein paar Prozent bei einigen Spielern fehlen, reicht es, um nicht mehr zu gewinnen. Aus Siegen sind Unentschieden geworden und aus Unentschieden Niederlagen. Dass wir es dann aber noch mal geschafft haben, zeigt, dass die Mannschaft mental klar war. Wir haben drei Siege und zwei Unentschieden bei einer Niederlage in den letzten sechs Spielen geholt, als es um alles ging. Als es um Existenzen ging. Der Druck war riesig – das sieht man gerade bei Fortuna Düsseldorf, wo sehr viele Mitarbeiter nach dem Abstieg gehen müssen. Wir spielen ja nicht nur für uns, wir spielen für den gesamten Verein. Deshalb bin ich stolz, dass meine Mannschaft es geschafft hat.
Quelle: WAZ.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."