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Horn im Interview
#1
Dass Timo Horn in Bochum seinen zweiten Frühling erlebt, stand vor ein paar Jahren auch nicht auf seinem Zettel. Der Erstplatzierte der kicker-Rangliste spricht unter anderem über sein Aus in Köln, die schwierige Zeit ohne Klub, den Reiz an RB Salzburg und den Turnaround unter Uwe Rösler. 

Es war lange Zeit eine Bilderbuchgeschichte: Der gebürtige Kölner Timo Horn durchläuft die Jugend des FC, wird Stammkeeper und prägt den Verein. Doch durch eine Knieverletzung Ende 2021 verliert er seinen Posten, im Sommer 2023 beendet er das Kapitel. Es folgt die Vereinslosigkeit inklusive Gedanken ans Karriereende, ein halbes Jahr in Salzburg und der persönliche Aufschwung beim VfL Bochum. Und dann gab es da noch diese ganz besondere Reise zu den Olympischen Spielen 2016 ... 

Timo Horn, herzlichen Glückwunsch zu einer persönlich starken Saison bislang und Platz 1 in der kicker-Rangliste der 2. Bundesliga im Tor. Wie blicken Sie auf Ihr vergangenes Halbjahr?
Es war natürlich keine leichte Situation für uns als Team, nach dem Abstieg so in die Saison zu kommen. Wir sind alles andere als gut gestartet, daher mussten wir uns auf jeden Fall reinarbeiten. Ich glaube, dass ich persönlich trotz der Niederlagen gute Leistungen gezeigt habe, aber so richtig kommt das nicht zur Geltung, wenn man als Mannschaft nichts Zählbares holt. 

Nach der Übernahme von Uwe Rösler ging es jedoch aufwärts.
Unter ihm haben wir den oft zitierten Turnaround geschafft. Es ist auch für mich schöner, wenn ich der Mannschaft mit guten Paraden und Leistungen den Rücken so freihalten kann, dass wir zu Punkten kommen. Ich denke, dass ich gerade zum Ende des Jahres konstant auf einem hohen Niveau war - und das versuche ich im neuen Jahr fortzusetzen. 

Was hat der Trainer gemacht, um diese Wende einzuleiten?
Es war ja vorher nicht so, dass wir jedes Spiel hoch verloren haben. Das waren häufig enge Partien, die wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf unsere Seite gezogen haben. Auch Dieter Hecking oder David Siebers haben alles versucht. Aber Uwe hat den richtigen Kniff gefunden und uns etwas defensiver ausgerichtet als die Trainer zuvor. Unter ihm agieren wir aus einer Kompaktheit heraus, was der Mannschaft aus meiner Sicht deutlich besser liegt. Denn im Pressing haben wir uns schwergetan, den Gegner so richtig unter Druck zu setzen. Dazu hat er uns zwischenmenschlich ein gewisses Vertrauen zurückgegeben, das sich durch Ergebnisse verfestigt hat. 

Gab es einen Schlüsselmoment, der das Selbstvertrauen besonders gestärkt hat?
Das Spiel gegen Hertha. Wir haben gemerkt, dass wir eine Top-Mannschaft der 2. Liga schlagen können. Und generell war das Gefühl wieder da, gewinnen zu können. Es klingt ein bisschen blöd, aber es war extrem wichtig, wieder zu wissen, wie sich das anfühlt. So ein Abstiegsjahr macht auch was mit dem Kopf. 

Der Abstieg war sehr emotional, Dieter Hecking hat vor den Fans angekündigt, das Geschehene schnell wieder korrigieren zu wollen. Nun ist er nicht mehr da, den VfL trennen aufgrund des Fehlstarts 13 Punkte von Platz 3. Ist es für den jungen Kader jetzt eher ein Aufbau-Jahr, um 2026/27 anzugreifen?
Man sieht, wie ausgeglichen die Liga ist, jeder kann gefühlt jeden schlagen. Das erste Ziel muss sein, dass wir uns weiter von unten absetzen. Darüber hinaus wollen wir konstant punkten und dann schauen wir mal, was noch möglich ist. Es geht um den Klassenerhalt, da dürfen wir den Fokus nicht verlieren. Wenn wir so weiterspielen, wie wir es bisher unter Uwe getan haben, und die nächsten Wochen positiv gestalten, ist es vielleicht möglich, relativ schnell ins sichere Fahrwasser zu gelangen. 

Wie groß ist Ihr eigener Anspruch, die Mannschaft als erfahrener Profi zu führen?
Das versuche ich jeden Tag, auch schon, als ich noch nicht gespielt habe. Sicherlich braucht man bei einem neuen Klub ein wenig Anlaufzeit, bis man, auch als gestandener Spieler, das Wort erheben kann. Aber mittlerweile durfte ich durch den Ausfall von Matus Bero schon einige Male die Kapitänsbinde tragen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen dafür, die Jungs noch mehr an die Hand zu nehmen. Wir haben eine sehr junge Truppe mit vielen talentierten Spielern, wo vielleicht hier und da noch ein bisschen die Konstanz fehlt. Ich versuche, mit meinem Erfahrungsschatz zu helfen, damit sie eine möglichst erfolgreiche Karriere für sich gestalten können. 

Auch Sie waren mal jung, haben die Jugend des 1. FC Köln durchlaufen und 2012/13 nach dem Abstieg die Rolle der Nummer 1 von Michael Rensing übernommen.
Ich bin in Köln geboren, meine Familie kommt aus Köln und es war ein Traum für mich, irgendwann das Tor der Profis hüten zu dürfen. Das habe ich mir als kleiner Junge und Jugendlicher immer vorgestellt. Als das Realität wurde, war es schon ein ganz besonderer Moment, den ich nie vergessen werde. Und die ersten Jahre waren sehr erfolgreich

2013/14 gelang unter Peter Stöger die Rückkehr in die Bundesliga, 2016/17 folgte Platz 5 und die Qualifikation für die Europa League.
Nach 25 Jahren hat der FC erstmals wieder international gespielt. Das als Kölner zu erleben, war unglaublich. Leider sind wir in diesem Jahr aber auch abgestiegen. Wir kamen einfach nicht mit der Dreifachbelastung klar, hatten nicht die Breite, um das aufzufangen, und zudem viele Verletzte. Das war auch persönlich ein Karriereknick. 

Warum blieben Sie dennoch beim FC?
Ich wollte diese Saison in der 2. Liga korrigieren, was mit dem direkten Wiederaufstieg gelang. Dennoch waren die Jahre darauf sehr holprig. Wir sind oft auf der letzten Rille gefahren, mit Ach und Krach in der Liga geblieben. Das war aber auch eine Leistung aus meiner Sicht, da wir gegen sehr viele Widerstände angekämpft haben. 

Es folgte Ihre Knieverletzung kurz vor der Winterpause 2021/22, nach der Sie nicht mehr ins Kölner Tor zurückgekehrt sind. Marvin Schwäbe hat Sie nach neuneinhalb Jahren abgelöst, konnten Sie das nachvollziehen?
Wir haben mit Marvin im Tor sehr konstant gepunktet und viele Spiele gewonnen. Deswegen war es aus meiner persönlichen Sicht zwar schwierig nachzuvollziehen, aus Trainer-Sicht aber vielleicht in Ordnung, dass Marvin im Tor geblieben ist. Trotzdem war es für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich war es gewohnt, immer aufzulaufen. Das habe ich auch gar nicht hinterfragt, es war Normalität für mich. Dann in eine Situation zu geraten, in der man Woche für Woche auf der Bank Platz nehmen muss, war ehrlich gesagt nicht leicht. Trotzdem habe ich in jedem Training Vollgas gegeben und mich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Da kann man jeden fragen. 

Hatten Sie zu Ihrer Zeit als klare Nummer 1 in Köln überhaupt den Gedanken, dass es irgendwann einen Plan B braucht?
Nein, eigentlich gab es immer nur Plan A. (lacht) Ich habe mich auch bewusst gegen einen Wechsel entschieden, das hätte ich sicherlich auf dem Höhepunkt nach der Qualifikation für Europa tun können. Aber ich wollte es einfach mal anders machen als all die Jungs, die alle zwei, drei Jahre woanders spielen. Dafür stehe ich nicht, ich bin immer ein Freund von Kontinuität und will diese auch selbst leben. 

Und doch endete das Kapitel 1. FC Köln.
Fußball ist immer schwierig zu planen, das ist ganz klar. Ich musste umdenken, als ich nicht mehr gespielt habe, denn das hat mich natürlich nicht zufriedengestellt. So ist es anders gekommen, als ich es mir ursprünglich vielleicht ausgemalt hätte. Aber umso glücklicher bin ich, dass ich jetzt einen tollen Verein gefunden habe. Das versuche ich Woche für Woche mit Leistung zurückzuzahlen. 

Gab es nach der Degradierung in Köln den Gedanken, dass Sie die eine oder andere Chance zum Wechsel vielleicht doch lieber hätten greifen sollen?
Das ist im Nachhinein immer leichter zu sagen, aber ich bereue nichts. Ich habe alles bewusst und aus dem Herzen heraus entschieden. 

So haben Sie auch beschlossen, den Vertrag in Köln im Sommer 2023 nach anderthalb Jahren hinter Schwäbe nicht mehr zu verlängern.
Ich wollte einen anderen Weg gehen und war dann ein halbes Jahr vereinslos. Ich muss ehrlich sagen, dass ich in dieser Zeit teilweise mit dem Gedanken gespielt habe, ganz aufzuhören, weil die Angebote, die mir zugesagt hätten, ausgeblieben sind. 

Plötzlich hingen Sie in der Luft. Und das mit gerade 30 Jahren, im guten Torwart-Alter und mit jeder Menge Bundesliga-Erfahrung.
Das kann schneller gehen, als man denkt. Gerade in der Zeit nach Corona glaube ich, dass sich Vereine schwerer getan haben, Spieler zu verpflichten. Man hat es an vielen Beispielen gesehen, die vorher jahrelang konstant auf hohem Niveau gespielt haben und plötzlich auf Vereinssuche waren. Das war vorher ein bisschen anders. Ich hatte das eine oder andere Angebot, was ich aber ausgeschlagen habe, weil ich etwas finden wollte, das zu mir passt, das ich interessant finde und womit ich mich identifizieren kann. Das war nach so einer langen Zeit bei meinem Heimatverein nicht leicht. 

Wie haben Sie sich aus dem Loch wieder rausgeholt und die Gedanken ans Karriereende abgeschüttelt?
Es war eine schwierige Zeit für mich und meine Familie, weil man gewohnt ist, jeden Tag zum Training zu fahren und diesen Ablauf zu haben, den man auf einmal nicht mehr hat. Ich habe versucht, mich privat so gut es geht fit zu halten und mit Alexander Bade trainiert, bis er nach Saudi-Arabien zu Matthias Jaissle und Al-Ahli gegangen ist. Anschließend habe ich mit Michael Kraft, der damals bei Viktoria Köln war, gearbeitet. Im Endeffekt ist das Torwartspiel wie Fahrradfahren, man verlernt es eigentlich nicht. Wenn man über so lange Zeit auf einem guten Niveau gespielt hat, ist man relativ schnell wieder drin. Das Einzige, was sehr gefehlt hat, ist dieses Zwischenmenschliche, die Gespräche, die man Tag für Tag mit Teamkollegen führt. 

Die Wahl für den neuen Arbeitgeber fiel auf RB Salzburg, wo Sie im Januar 2024 unterschrieben. Bei der Verkündung des Transfers wurden Sie mit den Worten zitiert: "Nach 21 Jahren in Köln musste es wieder ein Klub für mich sein, der zu mir passt und mit dem ich mich identifizieren kann". Warum passen sowohl die Traditionsklubs aus Köln und Bochum auf der einen und RB Salzburg auf der anderen Seite zu Ihnen?
Das wurde ein bisschen aus dem Kontext gerissen und mir auch in Köln übel genommen. (lacht) Aus Fan-Perspektive ist das schwer nachzuvollziehen. Nichtsdestotrotz kann ich das richtig einschätzen und man muss sagen, dass RB Salzburg sehr professionelle Strukturen hat. Das kennenzulernen war für mich sehr interessant, weil ich irgendwann nicht mehr auf dem Platz stehen werde, trotzdem aber gerne im Fußball bleiben möchte. Wie da gearbeitet wird, das ist etwas, was man für sein Leben mitnimmt. Sie haben es über Jahre aufgebaut und tätigen mittlerweile jedes Jahr Transfers in Millionenhöhe, bilden junge Spieler aus, entwickeln sie weiter und das in einer Konstanz, die beeindruckend ist. Für mich war es höchst interessant, dort einzutauchen und ich habe unheimlich viel mitnehmen können, was ich für meine Karriere und die Karriere nach der Karriere gebrauchen kann. 

Auch in Salzburg mussten Sie sich allerdings hinten anstellen.
Das wurde von Anfang an so kommuniziert. Alexander Schlager ist der Nationalkeeper von Österreich und sein Status unangefochten. Trotzdem bin ich hinten raus noch zu drei Einsätzen gekommen, in denen ich es, glaube ich, gut gemacht habe. Es war für mich extrem wichtig, um zu sehen, dass ich es noch draufhabe. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. 

Warum endete die Zeit dennoch nach einem halben Jahr und der verpassten Meisterschaft?
Mir hat trotz allem so ein bisschen dieses Feuer, das in Deutschland über die Zuschauer entfacht wird, gefehlt. Das Gefühl, hier in die vollen Stadien einlaufen zu dürfen. Deswegen bin ich sehr glücklich und dankbar, dass ich zu so einem Traditionsverein wie dem VfL Bochum gekommen bin, der auch mehr meine Werte und das, wofür ich stehe, widerspiegelt. Das passt sehr gut, ich komme super klar im Verein, in der Stadt und mit den Leuten im Umfeld. 

Wie sind Sie mit dem erneuten Status als Nummer 2 umgegangen?
Genau wie ich in Köln als zweiter Torwart weiter alles gegeben habe, so habe ich es auch in Bochum getan und auf meine Chance gewartet. Im Tor ist es oft so, dass diese durch eine Krankheit oder Verletzung eines anderen kommt. Dann muss man sie auch nutzen. Es ist ein harter Konkurrenzkampf, es gibt nur einen, der im Tor spielen kann. Das kann ich mittlerweile gut nachvollziehen und weiß es umso mehr zu schätzen, immer wieder ins Stadion einlaufen zu dürfen. Inzwischen gehe ich mit einer gewissen Leichtigkeit da ran und kann es noch viel mehr genießen, als ich es zu meiner Zeit in Köln getan habe. 

Die besagte Chance ergab sich am 22. Spieltag 2024/25 beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund, das Patrick Drewes krankheitsbedingt verpasste.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich vor dem Spiel trotz meiner Erfahrung und meines Alters schon nervös und aufgeregt war. Ich wollte natürlich, dass alles gut wird und ich mit meiner Leistung zu einem erfolgreichen Ausgang beitragen kann. Aber dass wir das Spiel in der Form gewinnen, war nicht abzusehen. 

Doch Georgios Masouras schoss den VfL per Doppelpack zum überraschenden 2:0.
Das war ein Sieg wie aus dem Bilderbuch. Ich weiß noch, dass meine erste Parade nach ein paar Minuten ausgerechnet gegen Serhou Guirassy kam, mit dem ich schon in Köln zusammengespielt hatte. Er hat mich nach der Chance noch abgeklatscht. Dieses Spiel hat einen ganz besonderen Stellenwert in meiner Karriere, und ich kann mich wirklich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Es nach so langer Zeit noch mal zu schaffen, wieder in der Bundesliga aufzulaufen, hat mich sehr stolz gemacht. 

Umso stolzer dürften Sie gewesen sein, dass es nicht nur eine einmalige Sache war, oder?
Ja, da muss ich wirklich einen großen Dank an Dieter Hecking und an meinen Torwarttrainer Sebastian Baumgartner, unter dem ich schon in Salzburg gearbeitet habe, richten. Sie haben entschieden, mich im Tor zu lassen. Das war mein Einstieg zurück in den deutschen Fußball und daher ein toller Moment, als sie es mir mitgeteilt haben. 

Wenig später folgte auch noch der 3:2-Sieg in München. Wieso konnte der VfL aus diesen Überraschungserfolgen nicht die nötige Energie für den Klassenerhalt ziehen?
Ich glaube, es gibt nicht viele Mannschaften, die in der Abstiegssaison gegen Dortmund und in München gewonnen haben. Bei den Bayern hatte ich vorher noch nie gewonnen, das Höchste der Gefühle war mal ein 1:1. Woran es lag, kann ich nicht genau sagen. Nach dem Spiel in München hatten wir schon das Gefühl, dass wir die Kurve kriegen können. 

Doch es folgten acht sieglose Spiele am Stück.
Es war schon erstaunlich, dass wir solche Top-Leistungen auf den Platz gebracht haben und es gegen vermeintlich schwächere Gegner nicht mehr geklappt hat. Vielleicht war es, weil man in den beiden Spielen nichts von uns erwartet hat und wir es befreiter angehen konnten. Hinten raus hat uns diese Leichtigkeit womöglich gefehlt. Es waren noch sehr enge Spiele und Unentschieden dabei, aber wir hatten nicht die nötige Durchschlagskraft und sind letztlich verdientermaßen abgestiegen. Hauptsächlich, weil wir einen extrem schwachen Saisonstart mit nur zwei Punkten aus 13 Spielen hatten. 

Für Sie war es der dritte Abstieg der Karriere: Erst als Nummer 2 in Köln, dann als Stammtorwart und diesmal nach 13 Spielen für den VfL. Fühlt es sich immer gleich an?
Es tut immer extrem weh, aber es ist natürlich etwas anderes, wenn man die ganze Saison auf dem Platz stand. Man fühlt sich noch verantwortlicher, als wenn man weniger dazu beigetragen hat. So oder so weiß man aber, was für den Verein daran hängt. Es geht nicht nur um die Elf auf dem Platz, es steigt ein ganzer Klub, eine ganze Stadt ab. Gerade hier in Bochum ist es, ähnlich wie in Köln, so, dass alle irgendwie mitfiebern. Wenn man die traurigen Gesichter sieht, fühlt man sich verantwortlich und will es wiedergutmachen. Das ist nicht schön, aber es prägt einen. Die Kunst ist es, wieder aufzustehen, weiterzumachen und trotzdem Leistung zu bringen. 

Durch den Abstieg wurde die Liga mit dem 1. FC Köln getauscht. Ärgert es Sie umso mehr, dass Sie das mögliche Gastspiel in der Heimat in dieser Saison verpasst haben?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, ich hätte es ehrlich gesagt einfach auf mich zukommen lassen. Da prallen Gefühlswelten aufeinander und ich kann aktuell nicht sagen, wie es sich am Ende anfühlen würde. Aber wir tun alles dafür, dass wir dieses Duell bald wieder haben. Der VfL gehört für mich in die Bundesliga, da wollen der Verein und sein Umfeld auch wieder hin. Aber zunächst müssen wir den Kampf in dieser Saison annehmen und die schwierige 2. Liga meistern. 

Wie sehr verfolgen Sie den FC noch in der Bundesliga?
Ich muss sagen, dass ich von den Jungs, die mittlerweile auf dem Platz stehen, nur noch die wenigsten kenne. Mit Marvin Schwäbe bin ich noch ein bisschen im Austausch, wir haben uns trotz des Konkurrenzkampfs sehr gut verstanden. Aber Jungs wie Jonas Hector oder Mark Uth, die mich begleitet haben, haben mittlerweile ihre Karrieren beendet. Ich verfolge den Verein, das ist klar, aber mein Fokus liegt voll auf dem VfL

Erlauben Sie noch einen Schwenk weg vom Vereinsfußball: 2026 jährt sich Ihre Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Brasilien zum zehnten Mal. Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie an das Turnier zurückdenken?
Es erfüllt mich immer noch mit großem Stolz, diese Reise war eine einmalige Geschichte. Ich wollte es unbedingt machen und war dem 1. FC Köln sehr dankbar, dass sie mich haben gehen lassen. Das war damals ein großes Thema, einige Vereine haben sich quergestellt, sodass wir mit einer Mannschaft zum Turnier gefahren sind, die mehr oder weniger zusammengewürfelt war. 

Serge Gnabry, Julian Brandt, Niklas Süle, die Bender-Zwillinge, der aufstrebende Kapitän Max Meyer oder Weltmeister Matthias Ginter waren unter anderem mit dabei.
Wir kannten uns damals kaum untereinander. Zu sehen, wie das Team in der Kürze der Zeit zusammengewachsen ist, war etwas, das ich in dieser Form noch nie erlebt hatte. Auch Horst Hrubesch war ich sehr dankbar, der mir schon zwei Jahre vorab gesagt hatte: "Wenn wir uns qualifizieren, bist du mein Torwart für Olympia." 

Das war für Sie damals alles andere als selbstverständlich, oder?
Ja, denn ich bin davor in der U 21 leider wenig zum Einsatz gekommen, weil Marc-André ter Stegen und Bernd Leno vor mir waren. Der eine war erst die Nummer 1 in Gladbach, dann in Barcelona, der andere in Leverkusen. Da war ich als Stammtorhüter beim FC leider hinten dran. (lacht) Das muss man sich heutzutage mal vorstellen: Ein Bundesliga-Torwart, der in der U 21 nur die Nummer 3 ist und oft auf der Tribüne zuschauen muss. Die Torwartdichte war damals schon extrem in Deutschland. 

Dafür ging das Olympia-Turnier für Sie und die Auswahl über die volle Distanz.
Mit der Truppe bis ins Finale im Maracana zu kommen, nachdem wir in der Gruppenphase fast ausgeschieden sind, war ein riesiges Erlebnis. Leider haben wir gegen die Gastgeber Brasilien im Elfmeterschießen Gold verpasst. Aber die Silbermedaille hat einen ganz besonderen Platz bei mir. 

Im Endspiel war es Neymar, der traumhaft per Freistoß traf und den entscheidenden Elfmeter verwandelte. Wie emotional ging es auf dem Rasen zu?
Man hat gesehen, was es den Brasilianern bedeutet. Das war eine kleine Wiedergutmachung für die WM 2014, sie haben Tränen vergossen nach dem Sieg. Wobei ich sagen muss: Wir hätten das Spiel eigentlich schon in den 90 Minuten entscheiden können mit unseren drei Lattentreffern. Das war sehr unglücklich, aber trotzdem eine riesige Erfahrung. 

Anschließend wurden Sie nie in den Kader der A-Nationalmannschaft berufen. Haben Sie das Gefühl, Sie hätten es mal verdient gehabt?
Sicherlich denke ich, dass ich das eine oder andere Mal kurz davor stand. Aber es waren Jungs vor mir, die schon ein paar Jahre - oder im Fall von Bernd und Marc-André ein Jahr - älter waren. Wenn sie konstant gute Leistungen bringen, und das haben sie nun mal getan, hätte ich da als Nationaltrainer auch nichts geändert. Ich glaube, es wäre mit der Konkurrenz selbst bei einer Nominierung schwierig geworden, ein Spiel zu machen. Das ist für mich alles in Ordnung und ich bin sehr glücklich über meinen Weg. 

Wie lange soll dieser Weg noch weitergehen? Ihr Vertrag läuft bis 2027, kurz nach Ihrem 34. Geburtstag.
Ich fühle mich extrem wohl und kann das, glaube ich, mit guten Leistungen zeigen. Momentan passt es wunderbar, aber ich habe aus der Vergangenheit gelernt, dass nichts planbar ist. Daher habe ich mir auch kein festes Alter gesetzt, wann Schluss sein soll. Ab einem gewissen Punkt muss man einfach von Jahr zu Jahr schauen. Momentan habe ich überhaupt keine Probleme, fühle mich fit und wohl. Mal sehen, wie weit der Körper mich noch trägt

Und etwas kurzfristiger vorausgeschaut: Was haben Sie sich für das Jahr 2026 vorgenommen?
Sportlich in unserem und auch meinem persönlichen Fall: Weitermachen, wie wir 2025 aufgehört haben. Dann können wir auf jeden Fall ein gutes Jahr spielen. Und auch privat soll es so weitergehen. Ich bin ein überglücklicher Familienvater und sehr stolz auf meine Kinder sowie meine Frau, die mir den Rücken immer stärken, freihalten und einen großen Teil dazu beitragen, dass ich am Wochenende meine Leistungen auf den Platz bringen kann. 

Die braucht es sicherlich auch am Wochenende. Wie groß ist die Vorfreude auf das Derby gegen Schalke?
Dass das Spiel für unsere Fans und in Bochum eine sehr große Bedeutung hat, bekommen wir schon seit Wochen mit. Wir haben nach dem Hinspiel noch eine Rechnung offen, weil wir dort keineswegs die schlechtere Mannschaft waren. Im Gegenteil, wir haben dort äußerst unglücklich verloren. Schalke hat danach zum Höhenflug angesetzt, wir mussten einige Rückschläge verkraften. 

Macht das mögliche Duell mit Edin Dzeko dieses Spiel für Sie persönlich noch besonderer?
Derbys sind immer etwas Besonderes, das kenne ich aus langjähriger Erfahrung. Alle drumherum sind noch aufgeregter, die Stimmung wird großartig sein. Wir spielen gegen eine kompakte Schalker Mannschaft, die Spieler in ihren Reihen hat, die den Unterschied ausmachen können. Das hat Edin Dzeko zum Beispiel schon gegen Kaiserslautern bewiesen. Ansonsten konzentriere ich mich auf meine Leistung und will meinem Team der bestmögliche Rückhalt sein. 

Quelle: Kicker.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der  VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."
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