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VfL Bochum 1848 erinnert an Vereinsgründer Philipp Anschel
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Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Rund um diesen Tag erinnern Fußballvereine in Deutschland an die Opfer des Nationalsozialismus. Der VfL Bochum erinnert in diesem Jahr auf besondere Weise an Philipp Anschel. Er war im Jahr 1848/49 Mitgründer und wenig später erster Sprecher (Vorsitzender) des Turnvereins Bochum – des ältesten Vorläufervereins des heutigen VfL. Auch dank Philipp Anschel dürften wir also bis heute voller Stolz die Jahreszahl 1848 in unserem Wappen tragen. 
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Trotz seiner großen Bedeutung für unseren Verein ist die Erinnerung an Philipp Anschel heute fast vollständig verloren gegangen. Dies will der VfL nun ändern und Anschel wieder den Platz geben, der ihm in der Geschichte unseres Vereins zusteht. Dafür haben Vereinshistoriker Dr. Henry Wahlig und Dr. Jonna-Margarete Mäder vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum in einem ersten Schritt in umfangreichen Archivrecherchen die Lebensgeschichte des Vereinsgründers aufgearbeitet.
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Philipp Anschel wurde am 15. April 1824 in Bünde/Westfalen geboren. Über seine Kindheit und Jugend sind bislang nur wenige Informationen bekannt. Anfang der 1840er Jahre begann er ein Studium an der damals renommierten Marks-Haindorf-Stiftung in Münster, die die Lehrerausbildung für jüdische Schulen in ganz Westdeutschland koordinierte. Nach einer kurzen ersten beruflichen Station in Viersen führte ihn der Weg 1847 ins damals noch kleinstädtische und vorindustrielle Bochum. 
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Anschel übernahm hier die hauptamtliche Stelle als Lehrer der jüdischen Elementarschule. Neben der Religionslehre unterrichtete er auch Deutsch, Rechnen, Lesen, Geschichte, Naturkunde und Geographie. Ziel der Schule war es, die jungen Menschen zu gläubigen Juden und zugleich zu treuen preußischen Staatsbürgern zu erziehen. 
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Von Beginn an engagierte sich Anschel auch in besonderer Weise für das damals noch neuartige und in weiten Bevölkerungskreisen abgelehnte Turnen. So gehörte er am 18. Februar 1849 zu den Gründungsmitgliedern des ersten Turnvereins der Stadt. Die Jahreszahl 1848, die bis heute im Wappen des Vereins sichtbar ist, wurde erst viele Jahrzehnte später aus politischen Gründen gewählt: Sie war ein Rückgriff auf die Revolution von 1848, die die Schaffung einer einheitlichen deutschen Nation und demokratischer Werte vorantreiben wollte. 
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Tatsächlich war auch der Turnverein Bochum in seiner Anfangszeit stark politisch geprägt und orientierte sich an den demokratischen Prinzipien der 1848er Revolution. Es genügt ein kurzer Blick in die auch von Philipp Anschel ausgearbeitete Gründungssatzung, um zu verstehen, welche für die Zeit ‘unerhörten‘ Grundsätze der Verein verfolgte: „§7: die Turner sind alle gleich berechtigt“ oder „§12: Die Versammlungen sind in möglichst parlamentarischer Weise zu führen“. 
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Von Beginn an setzte Anschel durch, dass auch die Schüler seiner Schule an den Turnstunden des Vereins teilnehmen durften. In den Jahren 1849 und 1850 fungierte er als zweiter Sprecher (Vorsitzender), 1850 rückte er an die Spitze des Klubs. Dies war für einen Juden in der deutschen Turnbewegung damals eine große Seltenheit. Unter Anschels Vorsitz erhielt der Klub seine eigene Vereinsfahne, die bis heute als ältestes Zeugnis der VfL-Geschichte überhaupt im Stadtarchiv Bochum aufbewahrt wird. 
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Nur ein gutes Jahr später wurde der Turnverein Bochum wegen angeblicher „politischer Umtriebe“ bereits wieder verboten. Die Revolution von 1848 war gescheitert und die demokratischen Werte des Klubs standen auf dem politischen Index. Es sollte geschlagene neun Jahre dauern, bis sich wieder ein Turnverein in Bochum gründen durfte. Er durfte gemäß Satzung nun keine politischen Absichten mehr verfolgen und sich lediglich dem Turnen widmen. 
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Auch in diesem Klub wurde Philipp Anschel zunächst wiederum in den Vorstand gewählt. Mittlerweile war er aber auch in zahlreichen anderen Funktionen im öffentlichen Leben von Bochum aktiv: Er zählte zu den Gründungsmitgliedern des Bochumer Bürgervereins, engagierte sich im Armen-Unterstützungsverein oder fungierte als Wahlmann der liberalen Partei bei verschiedenen Reichstagswahlen. 
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Auch in seinem Privatleben demonstrierte Philipp Anschel seine liberale und tolerante Haltung: So konvertierte er im Jahr 1854 zum evangelischen Glauben, um seine erste Ehefrau Anna Margarethe Fellermann heiraten zu dürfen. Dafür schied er sogar aus dem Schuldienst aus und betrieb fortan ein Manufakturgeschäft in der Bochumer Innenstadt. Als seine Ehefrau kurz nach der Geburt des 3. Kindes verstarb, heiratete Anschel erneut und nahm nun wieder den jüdischen Glauben an. 
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Philipp Anschel verstarb, mittlerweile in 3. Ehe verheiratet, im Alter von 65 Jahren am 23. Juni 1889 in Bochum. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße / Ecke Königsallee beerdigt, wo sein Grab bis heute besucht werden kann. Sein kunstvoll gestalteter Grabstein in Form eines aufgeschlagenen Buches ziert die Inschrift: „Treu und fleißig wirkest du / dich umfängt jetzt süße Ruh“. 
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Anschel starb viele Jahrzehnte bevor die Nationalsozialisten die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland zum wichtigsten Ziel ihrer Politik machten. Aber auch er wurde bereits zu Lebzeiten wegen seiner jüdischen Herkunft angegriffen und ausgegrenzt, einige seiner Nachfahren wurden im Holocaust ermordet. 
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Philipp Anschel war einer der wichtigsten, vielleicht sogar der entscheidende, Gründungsvater des VfL Bochum. Er setzte sich Zeit seines Lebens für Toleranz, Offenheit und religiöse Vielfalt ein. Sie sind auch im heutigen Leitbild des VfL Bochum 1848 als zentrale Werte festgeschrieben. Allein dies sollte Anlass genug sein, sich künftig wieder intensiver mit dieser wichtigen Persönlichkeit der Vereinsgeschichte auseinanderzusetzen. 
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Dr. Henry Wahlig
Dr. Jonna-Margarethe Mäder
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der  VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."
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