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Simon Zoller im Interview
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Simon Zoller arbeitet im Trainingslager des VfL Bochum am Kader. Im Interview spricht der Leiter Lizenz über seinen Rollentausch und Transfers. 

Simon Zoller hat an Esprit nichts verloren. Der Ex-Stürmer des VfL Bochum, der nach einer langen Verletzung seine Karriere beim FC St. Pauli im vergangenen Sommer mit 34 Jahren beenden musste, war schon als Spieler unter anderem in Kaiserslautern, Köln und Bochum ein Typ, der gerne Klartext redete. Seit Juli arbeitet er wieder für seinen „Herzensverein“, für den er 109 Spiele bestritt. Und seit knapp drei Monaten zählt er als Direktor Performance Lizenzfußball zur neuen sportlichen Führung des Tabellenzehnten der 2. Liga, ist für den Kader mitverantwortlich. 

Zoller spricht über seine Rolle und Teamziele
Zoller ist auch erster Ansprechpartner für das Trainerteam um Uwe Rösler und die Spieler. Als einziger Vertreter der Klubspitze ist er mit ins Trainingslager nach Belek/Türkei gereist, das der VfL am Sonntag beendet. In der Lobby des Calista Luxury Resort spricht der Ex-Torjäger in seinem ersten großen Interview seit seiner Rückkehr zum VfL über seinen Rollentausch, Zu- und Abgänge, Ziele und was ihm wirklich wichtig ist.

Herr Zoller, wie fühlt sich die Arbeit an auf einer Führungsposition? 
Simon Zoller: (lacht) Im Trainingslager gar nicht viel anders als zuvor als Spieler, außer dass ich nicht trainieren muss. Klar: Ich spüre die Verantwortung, die ich trage, habe mir diese aber auch ganz bewusst ausgesucht. Ich war als Spieler und vor allem auch in meiner Bochum-Zeit ein Typ, der gerne Verantwortung übernommen hat. Ich konnte damals schon viel lernen, auch was Abläufe neben dem Platz betrifft. Deshalb ist es mir nicht schwergefallen, den Übergang zu schaffen. Aufgrund der ersten Monate hatte ich auch eine gewisse Vorlaufzeit. Ich arbeite Hand in Hand mit dem Chefcoach. Die Zusammenarbeit mit Uwe ist sehr gut, er nimmt mich zu 100 Prozent mit. 

Und wie nehmen Sie die Spieler mit?
Ich führe viele Gespräche. Meine Zeit als Profi, die noch nicht so lange her ist, vereinfacht mir die Verbindung in die Kabine und zu den Jungs. Deswegen ist der Austausch sehr intensiv und gleichzeitig bekomme ich ein gutes Gespür für das Momentum. Es ist gerade in der bisherigen Phase intensiv, macht aber großen Spaß. Es gibt Bewegung im Kader, wir wollen uns gut aufstellen für die Rückrunde. In Belek haben wir nicht nur sehr gute Trainingsbedingungen, sondern auch ein gutes Klima in der Mannschaft. Das ist die Basis.

Sie sind meist beim Training dabei, oft in der Kabine. Fühlen sich Spieler nicht „von oben“ beobachtet?
Das Gefühl habe ich nicht. Ich habe für jeden ein offenes Ohr. Ich bin aber nicht immer in der Kabine, denn ich möchte nicht mehr als Spieler wahrgenommen werden. In Bochum bin ich auch nicht bei jeder Trainingseinheit, weil meine Funktion viele andere Aufgaben beinhaltet und Ilja (IIjla Kaenzig, alleiniger Geschäftsführer des VfL/die Redaktion) mich in die verschiedensten Themen einbindet. Ich lerne außerhalb des Sports viele Prozesse im Klub kennen und durfte ja auch schon in den ersten Monaten einige Abteilungen durchlaufen, was mir geholfen hat. Aber jetzt bin ich vor allem Ansprechpartner des Trainerteams und der Spieler.

Ist das nicht schwierig für Sie, mit ehemaligen Mitspielern jetzt über dessen Zukunft mit zu entscheiden?
Ob die Gespräche ernster sind oder es ein lockerer Austausch ist, erzeugt bei mir keinen Druck im Gespräch selbst. Ich habe jetzt eine neue Rolle und der versuche ich gerecht zu werden – auf Augenhöhe und immer respektvoll. Das erfordert auch, dass wir im Team Entscheidungen treffen müssen. Ich kenne die meisten Spieler, habe mit einigen zusammengespielt. Ich lege Wert darauf, ehrlich, transparent und vertrauensvoll mit den Spielern umzugehen und ich habe den Eindruck, dass das umgekehrt genauso ist. Klar: Hoffi (Philipp Hofmann) oder Kevin Vogt zum Beispiel kenne ich schon lange, ein paar Spieler sind Kumpels von mir. Aber damit gehe ich sehr professionell um, trenne das Private und die Vergangenheit vom Status quo. Es geht immer um den Erfolg des VfL.

Jetzt bilden Sie unter anderem mit Datenexperte Markus Brunnschneider und dem Direktor Recht, Jonas Schlevogt, die Sportspitze des VfL. Wie läuft die Zusammenarbeit konkret?
Wir haben aus der Vergangenheit beim VfL gelernt, dass wir uns zu 100 Prozent absichern müssen. Alle Aspekte werden berücksichtigt: Es gibt Daten-Scouting, Live-Scouting, wir müssen ein Gefühl für das Umfeld eines Spielers bekommen, seinen Charakter kennenlernen. Es gibt Vorschläge, wir diskutieren sie teils kontrovers, auch mit dem Trainerteam. Am Ende geht man auseinander und hat offen kommuniziert. Das ist wichtig und führt zu einer gemeinschaftlichen Entscheidung. Wir haben mit Mikkel Rakneberg und Callum Marshall im Januar zwei Spieler hinzubekommen, die wir in der Gemeinschaft analysiert und bewertet haben.

Callum Marshall ist der sechste Spieler des VfL, der nur bis zum Saisonende ausgeliehen ist. Er ist 21, war noch nicht außerhalb Großbritanniens aktiv. Neues Land, neuer Klub, kaum Zeit – ist das nicht ein Risiko?
Wir wollen alle Parameter abdecken. Dazu gehört die sportliche Bewertung, das Umfeld, der Charakter – am Ende das Gesamtpaket. Das gilt für Leihspieler, fest verpflichtete Spieler, unsere eigenen Talente. Wir haben uns intensiv mit Callum beschäftigt. Er hat eine gute Mentalität. Wir möchten „Bochum-like-Spieler“ haben, die die VfL-DNA, Mentalität, Leidenschaft, Vorwärtsdenken, Dynamik verkörpern. Die VfL-DNA wieder so zu etablieren, wie es im Verein und im Umfeld gerne gesehen wird – das ist unser Ziel. Unabhängig davon, wie lange der Spieler am Ende bei uns ist oder bleiben wird.

Gibt es nur noch weitere Zugänge, wenn einer wie etwa Malis Nationalspieler Ibrahima Sissoko, der beim Afrika-Cup ist, den Verein verlässt?
Im Moment sind wir gut aufstellt. Unser derzeit verletzter Kapitän Matus Bero möchte sich für die WM qualifizieren, wird hoffentlich zeitnah wieder zur Verfügung stehen. Er hat, wenn er gesund ist, einen enormen Wert für uns. Zum Thema Ibrahima Sissoko wurde viel spekuliert.

Der FC Nantes ist an dem Mittelfeldmann interessiert. Die Zeitung L’Equipe berichtete von zwei Millionen Euro Ablöse. Etliche Fans reagierten empört.
Wir haben uns bislang nie an Spekulationen beteiligt und werden uns – wie wir es immer getan haben – nicht zu möglichen Gerüchten äußern. Fakt ist: Ibrahima hat einen laufenden Vertrag. Fakt ist aber auch, dass wir immer gesprächsbereit sind, wenn ein Spieler einen Wechselwunsch hinterlegt, wie es in diesem Fall passiert ist. Am Ende muss es aber für alle Seiten passen.

Und wenn Sissoko geht, verpflichtet der VfL Marcel Sobottka, der sich als vereinsloser Spieler in Belek empfehlen darf?
Wir wollten ihm die Möglichkeit geben, sich zu präsentieren. Er wirkt fit, macht seine Sache gut. Er ist ein Top-Junge mit großer Erfahrung, der Trainer kennt ihn aus seiner Fortuna-Zeit, er kennt den Trainer. Es ist für alle eine Win-Win-Situation. Aber den Status quo bewerten wir erst nach dem Trainingslager, und der ist dynamisch.

Sechs Verträge laufen im Sommer aus: von den langjährigen Bochumern Maxi Wittek, Erhan Masovic, Felix Passlack, Noah Loosli, Matus Bero, zudem von Romario Rösch. Wie ist der Stand?
Wir haben das selbstverständlich auf dem Schirm und haben mit einigen Spielern schon Gespräche geführt. Konkret ist noch nichts. Für Erhan Masovic ist die VfL-Zeit ein Auf und Ab. Im Sommer kam noch seine Lungenverletzung dazu. Es ist keine einfache Situation für ihn, aber er macht es vor allem im Moment sehr gut. Auch mit ihm befinde ich mich in einem regelmäßigen Austausch.

Die sechs jungen Leihspieler werden wohl kaum zu halten sein. Francis Onyeka zum Beispiel, mit sechs Treffern der beste VfL-Schütze. Sehen Sie seine Entwicklung daher mit eine lachenden und einem weinenden Auge?
Wir haben zwei lachende Augen bei ihm. Er entwickelt sich herausragend und bildet für uns einen Riesenwert in der Mannschaft. Seine Qualität ist bemerkenswert. Er hat eine sehr gute Hinrunde gespielt, wobei man nicht vergessen darf: Er ist erst 18 Jahre alt. Wir hoffen und sind guter Dinge, dass er in der Rückrunde daran anknüpfen kann. Aber klar: Er ist Spieler von Bayer Leverkusen, wie auch Farid Alfa-Ruprecht. Kjell Wätjen steht bei Dortmund unter Vertrag, auch er hat nach einer Anlaufzeit eine sehr gute Hinrunde gespielt. Es gibt viele Gespräche mit den Jungs, ihren Vereinen, zu denen wir einen sehr guten Draht haben. Man wird sehen, wie sie sich weiterentwickeln, was sich ergibt. Umgekehrt hoffen wir, dass sich unsere ausgeliehenen Spieler Colin Kleine-Bekel beim FC St. Gallen und Samuel Bamba bei Willem II Tilburg gut entwickeln und im Sommer gestärkt zu uns zurückkehren.

Eigene Talente sorgten zuletzt auch für viele positive Schlagzeilen, allen voran Cajetan Lenz (19). Angeblich sind zig Topvereine wie Eintracht Frankfurt an ihm dran. Flattern schon die Angebote rein?
Caje hat sich seit dem Sommertrainingslager fest etabliert und ist ein Fixpunkt in unserer Mannschaft. Seine Entwicklung ist sehr positiv. Wir hoffen, dass er genau da weitermacht. Eines ist aber ganz klar: Caje tut gut daran, sich komplett auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und sich nur auf den Fußball zu konzentrieren. Wir alle werden ihn in seiner Entwicklung begleiten. Bei seiner Performance ist es nachvollziehbar, dass Interesse geweckt wird. Aber er hat einen langfristigen Vertrag (bis 2029, die Redaktion), ist Spieler des VfL Bochum und hier noch lange nicht fertig. Er kann sich bei uns prima entwickeln.

Im Vergleich zu den Jungen kamen in den letzten Monaten unter Rösler die Routiniers weniger gut weg. Zurecht?
Alle Spieler sind für uns von großer Wertigkeit, sportlich und menschlich. Philipp Hofmann ist so ein Beispiel. Er hatte zunächst im Sommer auch eine schwere Zeit nach seiner Lungenverletzung und später aufgrund seiner Vertragsverlängerung, über die viel berichtet wurde. Im Moment macht es richtig Spaß, ihn im Training zu sehen, wie er vorangeht, wie fit er ist, das Tor trifft. Er ist ein Typ, der den Anspruch hat, immer zu spielen. Aber er sieht mittlerweile auch seine Verantwortung für das Projekt VfL Bochum. Zum späteren Zeitpunkt einer Karriere ist es nicht unnormal, dass man nicht mehr jede Minute auf dem Platz absolviert. Das musste ich lernen, ein Toto Losilla, ein Cristian Gamboa. Auch Hoffi hat zuletzt nicht immer gespielt. Aber gerade diese routinierten Spieler, zu denen ich auch Maxi Wittek oder Timo Horn zähle, verkörpern am Ende den VfL, sie haben eine große Wertigkeit: für die Struktur, den Inner Circle, die Achse der Mannschaft.

Uwe Rösler spricht beharrlich nur vom Ziel Klassenerhalt. Gehen Sie mit?
Wir sind immer noch im Abstiegskampf. Wir können zwar von einer positiven Trendwende sprechen und haben uns stabilisiert. Aber: Wir haben nur vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Wir sind uns dieser Lage bewusst und deshalb weit davon entfernt, dass wir uns entspannt zurücklehnen. Die Spieler sehen das genauso. Wir befinden uns auf einem guten Weg. Der Start in die Rückrunde wird richtungsweisend. Solange wir aber nicht die 40-Punkte-Marke erreichen, sprechen wir von nichts anderem.

Quelle: WAZ.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der  VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."
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