Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
„Ich gehe als Spieler und bleibe als Fan“
#1
Kevin Vogt beendet am Sonntag seine Karriere. Er spricht über den VfL Bochum, Rösler, Nagelsmann, seine Pläne und was ihn am Profifußball stört. 

Kevin Vogt hat im strömenden Hagelschauer seine drittletzte Trainingseinheit als Profi hinter sich, war noch im Kraftraum, kommt frisch geduscht zum Interview. Denn am Sonntag beendet der 34-Jährige mit dem Spiel des VfL Bochum beim Karlsruher SC seine lange Karriere. 353 Bundesliga- und 47 Zweitligaspiele hat Vogt in 19 Profijahren absolviert. In seiner erfolgreichsten Zeit spielte er als Abwehrchef und Kapitän der TSG Hoffenheim (2016 bis Anfang 2020) unter dem heutigen Bundestrainer Julian Nagelsmann sechs Mal in der Champions League. 

Der in Witten geborene Verteidiger und Sechser wurde in der Jugend des VfL groß, debütierte mit 17 Jahren in der Bundesliga gegen den BVB. 2012 wechselte er zum FC Augsburg, spielte zudem für Köln, Hoffenheim, Bremen und Union Berlin, ehe er im Sommer 2025 zu seinem Heimatverein zurückkehrte. Jetzt macht der Ehemann von Zoe und Vater von Olivia (4) aus gesundheitlichen Gründen Schluss – und spricht im großen Interview über Gefühle, Momente, den VfL, seine Zukunft und worauf er sich besonders freut. 

Es war ein emotionaler Abschied von den VfL-Fans im Ruhrstadion beim 1:1 gegen Hannover, Sie wirkten sehr bewegt. Haben Sie Ihren Schritt mittlerweile verarbeitet?
Kevin Vogt: Es hat den ganzen Tag über in mir gearbeitet. Mein Abschied war rund. Ich habe hier in Bochum als kleiner Junge die Bälle reingeschmissen, meine Jugend verbracht, durfte hier mein erstes Profispiel und letztes Heimspiel bestreiten. Aber jetzt bin ich fein damit, auch wenn die ganze Aufarbeitung noch ein bisschen dauern wird. Ich wollte unbedingt das Gefühl vermeiden, dass das Ende nicht schön war, wie ich es von vielen Ex-Kollegen gehört habe. Damit habe ich mich lange beschäftigt. Ich bin dankbar, dass ich die Entscheidung jetzt selbst getroffen habe. Wenn ich in meinen Körper hineinhorche, dann muss ich mir eingestehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Es ist auch für den VfL gut. Der alte Mann macht Platz für die jungen Wilden. (lacht)

Gab es eine Nachricht, die Sie besonders berührt hat?
Es gab viele Nachrichten schon an dem Abend, als ich zwei Tage vor dem Hannover-Spiel mein Karriereende bekanntgegeben habe. Bis heute melden sich noch viele bei mir, die ich teilweise gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Geburtstag ist nichts dagegen. Da schwelgt man in Erinnerungen, ich bin allen sehr dankbar für ihre netten Worte.

Ihr Abschied im Ruhrstadion war gelungen – Ihre letzte Saison aber lief nicht rund. Wie blicken Sie auf das Jahr beim VfL?
Der Start war leider total holprig. Dann kam meine Knie-Operation (Anfang Oktober, die Redaktion), die hat mich dann ein bisschen zurückgeworfen. An der OP an sich lag es nicht, ich hatte einen tollen Arzt. Ich hatte vor sechs Jahren schonmal eine Operation am anderen Knie, aber danach war ich viel schneller wieder da. Ich hatte diesmal viele Nachwehen. Es hat Zeit gebraucht, das zu akzeptieren. Die anderen Jungs haben es gut gemacht, wir hatten eine stabile Phase, haben gepunktet.

Viele Mitspieler und Trainer Uwe Rösler haben gelobt, dass Sie das Team stets unterstützt haben, auch wenn Sie bis dato nur drei Einsätze hatten in der Rückrunde.
Das habe ich in den letzten Monaten als meine Aufgabe angesehen. Der 25-jährige Kevin wäre zurückgekommen und hätte sich sicher anders verhalten. Jetzt fand ich, dass meine Mitspieler die Ellbogen weiter ausfahren mussten und ich sie beim Kampf um den Klassenerhalt unterstütze. Wenn man so viel Erfahrung hat, muss man sich einbringen, helfen, es ging um den VfL, es war Druck auf dem Kessel. Ich kann gut in den Spiegel schauen, auch wenn ich mehr spielen wollte. Viele junge Spieler werden viel mitnehmen aus dieser Saison. Sie haben den Karren aus dem Dreck gezogen. Es ist schön zu sehen, dass andere wahrnehmen, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte.

Sie haben mehr Spiele in der Bundesliga absolviert als Bastian Schweinsteiger. Wenn Ihnen das vor Ihrer Karriere jemand prophezeit hätte, was hätten Sie ihm gesagt?
Er ist ein großer Spieler. Ich hätte das damals sofort unterschrieben. 400 Spiele in der Bundesliga und 2. Liga sind eine ordentliche Zahl. Da darf ich auch stolz drauf sein. Ich habe es nicht geschenkt bekommen, habe mich über Jahre durchgesetzt.

Welchen Karriere-Schritt würden Sie immer wieder gehen?
Ich will gar nichts missen. Die Schritte, die ich gemacht habe, waren immer sehr bedacht gewählt. Ich wollte keinen größeren Sprung machen mit dem Risiko, vielleicht weniger zu spielen. Ich habe die Klubs immer so ausgewählt, dass mir ein Weg aufgezeichnet wurde, dass man fest mit mir plant. Und zwar nicht als Nummer 18, sondern in der Startelf. Das war mir wichtig.

Gab es einen größten Moment?
Die Champions League war speziell. Mit Hoffenheim haben wir in der Saison 2017/18 in der Qualifikation gegen Liverpool gespielt, sind dann leider an der Anfield Road ausgeschieden. In der nächsten Saison haben wir mit einem Sieg gegen den BVB Rang drei gesichert. Dieses Gefühl, die Königsklasse erreicht zu haben, war sehr außergewöhnlich.

Gab es einen schwierigsten Moment?
Ich bin zum Glück nie abgestiegen. Aber mit Bremen, wo ich als Leihspieler war, haben wir in der Relegation um den Klassenerhalt in der Bundesliga gekämpft. Das war krass. Es war Corona-Zeit, keine Fans zugelassen. Im Hinspiel haben wir 0:0 gegen Heidenheim gespielt. Vor dem Rückspiel haben alle Mitarbeiter auf dem Platz eine Gasse gebildet. Trainer Florian Kohfeldt hat vorher eine Ansprache gehalten. Wir sollten den Mitarbeitern, die zum Teil mit ihren Kindern auf dem Arm dort standen, in die Augen schauen. Es ging um Arbeitsplätze. Das hat mich gepackt. In der Kabine saßen total gestandene Spieler, ruhig, nachdenklich. In Heidenheim haben wir es dann geschafft, mit einem 2:2.

Nervt Sie irgendetwas im Profifußball?
Wenn man nach dem Spiel richtig emotional ist und man sagen will, was einem auf der Zunge liegt, machen das die meisten nicht mehr. Weil du weißt, dass dir dann eventuell eine Sanktion von einem Sportgericht reinfliegt und du hohe Summen zahlen musst. Da habe ich als Ruhrpottler grundsätzlich ein Problem mit, aber auch als Typ Fußballer, der ich war. Viele meinen, dass dem Fußball die Typen verloren gehen. Aber frei reden, aus der Emotion heraus, sollte man besser nicht. Das stört mich sehr. Es müsste mehr Spielraum für Emotionen geben und jeder sagen dürfen, was er denkt, natürlich ohne jemanden zu beleidigen.

Gibt es Mitspieler, die Sie am meisten beeindruckt haben?
Einige. Ich nenne beispielhaft Paul Verhaegh, den Kapitän vom FC Augsburg. Er wusste genau: Wann ist er der Kumpeltyp, wann geht er rein, wann haut er voll auf die Bremse, wenn zu viel Halligalli war. Er war aber auch unterwegs mit der Mannschaft. Er hat den Spagat auf und neben dem Platz außergewöhnlich gut hinbekommen.

Sie waren später auch Kapitän bei der TSG Hoffenheim – ein zweiter Paul Verhaegh?
Wie er Dinge anging, habe ich bis heute in meinem Kopf. Ob ich es immer so gut umgesetzt habe, weiß ich nicht. Dabei muss man sich aber auch selbst treu bleiben, seinen eigenen Weg finden.

Von welchem Trainer haben Sie am meisten gelernt?
Ich hatte das Glück, dass ich menschlich viele tolle Trainer hatte. Inhaltlich habe ich von Julian Nagelsmann (Trainer Hoffenheim von Februar 2016 bis 2019) am meisten gelernt. Ich kam zur TSG als solider Bundesliga-Spieler nach jeweils zwei Jahren in Augsburg und Köln. Er hat jeden Spieler auf ein anderes Level gebracht. So haben wir auch gespielt, mit breiter Brust. Wir hatten einen sehr lösungsorientierten, spielerischen Ansatz. Der war mit Risiko verbunden. Von mir wollte er, dass ich das Spiel, das ich auf der Sechs gemacht habe, eine Reihe dahinter mache als zentraler Mann der Dreierkette. Mit dem Mut habe ich versucht zu spielen. Ich denke, dass mir das ganz gut gelungen ist.

Wo liegt denn VfL-Coach Uwe Rösler in Ihrem Ranking?
Ich bin sehr dankbar dafür, dass Uwe mein letzter Trainer ist. Er hat mich in meinem letzten Heimspiel nochmal reingeschmissen, das vergesse ich nicht – wobei man mich ja auch noch aufstellen kann. (lacht) Aber es gibt Trainer, die nicht so feinfühlig sind. Er hat eine hohe Wertschätzung von mir. Er ist sehr speziell auf dem Platz, aber man kann immer sehr gut mit ihm reden. Er hört zu, reflektiert andere Meinungen.

Jetzt ist Schluss. Haben Sie sich schon eine Dauerkarte gesichert für den VfL?
Mich wird man hier definitiv öfter sehen. Ich bin eng verwurzelt mit dem Verein, den Mitarbeitern. Der VfL ist mein Jugend- und Herzensverein. Ich kann jetzt auf den Rängen meinen Emotionen freien Lauf lassen. (lacht) Ich gehe als Spieler und bleibe als Fan.

Gibt es ein Abschiedsspiel?
Nein. Ich war lange nicht beim VfL, das wäre daher total übertrieben. Ich bin überglücklich, dass ich so einen Abschluss bekommen habe.

Was sagt der Fan Kevin Vogt, was besser werden muss beim VfL, damit es wieder aufwärts geht?
Noch bin ich Spieler. Aber grundsätzlich lässt sich festhalten: Es ist viel mehr möglich in dieser Liga, die Abstände zwischen den Teams sind nicht so groß wie in der Bundesliga. Auch ein Abstiegskandidat kann einen Aufsteiger an einem guten Tag herspielen. Ganz wichtig ist ein guter Start. Wir haben uns in der Mitte dieser Saison unter Uwe extrem stabilisiert. Wir haben zwar nicht die Sterne vom Himmel gespielt, was in so einer Situation aber auch klar ist, denn es ging um Ergebnisse. Positiv war zudem, dass wir immer da waren, wenn es richtig eng wurde, wobei wir uns selbst in diese missliche Lage gebracht haben. Der VfL muss sich wieder mehr zutrauen. Die Qualität war auch diese Saison da. Gegen Hannover, als der Rucksack abgefallen war, haben wir gegen die spielstärkste Mannschaft der Liga vor allem in der ersten Halbzeit richtig guten Fußball gespielt. Das muss in die Birne: Wir sind der VfL Bochum, sind nicht gerade von der 3. In die 2. Liga aufgestiegen. Wenn du dieses Selbstverständnis mitbringst, ist mit der Heimstärke und einem guten Start hier vieles möglich.

Dafür müssen viele neue Spieler kommen, die einschlagen.
Ja, aber das sehe ich als Chance. Da ist mein Glas immer halb voll, nicht halb leer. Es gibt frischen Wind, wir haben viele junge, talentierte Spieler. Wir brauchen eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern.

Bleiben Sie dem Fußball treu?
Sag niemals nie. Aber als Trainer sehe ich mich sicher nicht. Ich beschäftige mich seit Jahren damit, was ich nach der Karriere machen werde. Ich bin schon seit über zehn Jahren als Selbstständiger in der Immobilien-Branche tätig, bin auch als Investor bei einigen Unternehmen eingestiegen. Vielleicht ergibt es sich, dass ich demnächst mehr im operativen Tagesgeschäft arbeite. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt, aber das braucht auch Zeit. Auf Sicht brauche ich eine klare Struktur, so bin ich gestrickt. Ich werde sicher immer genug zu tun haben. Priorität hat jetzt aber ganz klar meine Familie, mit der ich mehr Zeit verbringen kann. Ich freue mich total auf viele kleine Dinge. Zum Beispiel, meine Tochter zur Kita zu fahren oder ein freies Wochenende zu haben.

Freuen Sie sich auch darauf, jetzt Currywurst und Fiege ohne schlechtes Gewissen konsumieren zu können?
(lacht) Wenn ein Fiege geflogen kam, hatte ich noch nie ein schlechtes Gewissen. Aber jetzt wird das Bier vielleicht mal etwas schneller bestellt als sonst.

Quelle: WAZ.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der  VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."
Zitieren


Nachrichten in diesem Thema
„Ich gehe als Spieler und bleibe als Fan“ - von Herr Bert - 05-15-2026, 04:42 PM

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste